Sonntag, 6. Februar 2011

[Rezension] The Lost - Jack Ketchum

The Lost – Jack Ketchum

1965: Es ist die Zeit der Love & Peace Generation. Die Zeit der Drogen, der stillen Revolution unter den Teenagern die in den Wirren der unruhigen Zeiten in denen Politik und aufkommende Kriege die Zukunft düster und seltsam erscheinen lassen. Der amerikanischer Bürgerrechtlicher Malcom X wird erschossen, in Asien wird der Vietnamkrieg bald das ganze Land in ein Chaos verwandeln und Amerika wird eindeutig Stellung beziehen und militärisch eingreifen.

Der amerikanische Jack Ketchum verarbeitet den Amoklauf eines verlorenen jungen Mannes, der als Sinnbild einer ganzen Generation steht, die Drogen, Sex und Egoismus gelebt und geliebt haben. Der Roman „The Lost“ ist im Heyne Verlag in der Sparte „Hardcore“ erschienen.

Inhalt

Wir schreiben das Jahr 1965. In der kleinen Stadt Sparta in New Jersey ist das Leben beschaulich und ruhig. Die dortigen Polizeibeamten haben es weniger mit Gewaltverbrechen zu tun, eher routiniert geht es hier um Verkehrsdelikte, Ehestreite, Katzen die es aus Regenrinnen zu retten gilt und manche abendlichen kleineren Schlägereien zwischen pubertären Jugendlichen.

Ray Pye, ein narzisstischer und psychopathischer Teenager hat seine beiden Freunde Tim und Jennifer fest in seinem Bann. Ray ist ein kleinwüchsiger Mann, der seine Stiefel mit Dosen und Zeitungen ausstopft und größer zu ein. Seine egomanischen Triebe lebt der Sohn einer Motelbesitzerin aus, indem er nach seiner Arbeit im elterlichen Motel, seine sexuellen Begierden auslebt. Mit dem Dealen von Drogen manipuliert er seine Käufer und macht sich besonders die jungen Frauen gefügig. Sein Selbstwertgefühl ist ein Betrug an sich selbst.

Der Frieden in Sparta wird an diesem Tag dramatisch enden. Ray Pye der mit Jennifer und Tom im Wald campt, trifft zufällig auf zwei junge Frauen. An diesen sommerlichen Tag feuert Pye mit seinem Gewehr ohne Vorwarnung und Motiv auf die beiden jungen Frauen. Lisa wird von mehreren Kugeln in Kopf und Brust zusammengeschossen und stirbt noch im Wald. Elise dagegen kann mit ihren schweren Schussverletzungen entkommen, stirbt aber nach vier Jahren im Komastadium.

Jennifer und Tim decken Ray und verschweigen auch vier Jahre später die grausamen Morde. Aus Angst und Respekt gegenüber Ray sind sie im hörig, und Ray genießt seine Macht. Trotz das er der Hauptverdächtige in diesem Mordfall war, konnten die beiden Polizeibeamten Ed Anderson und Charlie Schilling Ray nicht als den Täter überführen. Doch Charlie der von der Schuld Rays überzeugt ist, lässt nicht los, und sucht mit einer verzweifelten Intensität nach Beweisen. Er nutzt jede Gelegenheit um Ray aus der Fassung zu bringen.

Als die junge Katherina aus San Francisco zuzieht spielt sie perfide mit dem psychopathischen Ray Pye, der sich mehr und mehr zu der attraktiven und selbstbewussten Frau hingezogen fühlt. Sie hat ihn völlig in seiner Hand, und als sie ahnt wie gefährlich der Mann ist und sie sich Abstand gewinnen möchte, ist der point of no return schon lange überschritten.
Ray der ahnt, dass er bei der jungen Frau nicht landen kann, sucht natürlich die Schuld und Ursache nicht bei sich. Als er bei der jungen und ebenfalls attraktiven Sally, die die Freundin von Ed ist, ebenso abgewiesen wird und seine langjährige Freundin Jennifer sich mit Tim vergnügt, fällt sein selbstgebasteltes Kartenhaus von Selbstverliebtheit und überspielten Minderwertigkeitsgefühlen zusammen. Emotional in einer Ruine seiner kranken Persönlichkeit stehend, begibt sich Ray auf einen Kreuzzug gegen die drei jungen Frauen die ihn so ignoriert und abgestoßen haben. Sein Amoklauf kennt an Brutalität und Unmenschlichkeit keine Grenzen und selbst unschuldige Menschen sind nur überflüssige Statisten in seiner Abrechnung....

 
Kritik

“The Lost“ von Jack Ketchum ist ein Schock. Wer bislang Jack Ketchum noch nicht gelesen hat, für den wird der Roman abstoßend und zugleich faszinierend sein.
Jack Ketchum brachialer Stil die Morde und selbst die Charakter zu beschreiben, verbindet er verstörend detailliert. Alleine schon die Charakterzeichnung von Ray Pye, der mit seiner Testosteron gesteuerten Entwicklung, als ein eiskalter und brutaler Manipulator sich zu einer Mordmaschine entwickelt, ist verstörend, aber auch genial. Ray Pye ist das personifizierte Sinnbild einer Zeit in der die Generation sich vollkommen in Stich gelassen fühlte und nicht wirklich wusste, was sie mit sich anfangen sollte. Auch hier beschreibt der Autor sehr eindrucksvoll, mit welchen Ängsten und Hoffnungen sich diese jungen Menschen ihr Universum schufen und welchen Werten sie doch hinterherrannten.
Doch nicht nur die Love & Peace Generation hat hier ihr Päckchen zu tragen, auch die beiden Polizisten und die älteren Personen tragen ihrer Schicksale und sich nicht immer bewusst wie und wann sie handeln haben. Letztlich beschreibt  Jack Ketchum das in einer langen Kette von Eskalationen endet, so als würde man den ersten Stein einer Dominokette umwerfen. Die explosive Welle der Gewalt verschlingt am Ende auch die Unschuldigen und diejenigen die Überleben, tragen in sich die Schuld oder Unschuld, die sie immer wieder hinterfragen.
Das die Handlung auf einer wahren Begebenheit beruht, wird auf den Leser noch viel verstörender wirken. Und wenn man sich auf die Wortwahl des Autors stürzt, so kann man diese als durchaus vulgär, aber ehrlich beschreiben. Die Gedankenbilder seiner Figuren, denken und überlegen in der gleichen Sprache, selbst die Dialoge sind für den Leser der sonst eher den feinen Stil bevorzugt, mehr wie gewöhnungsbedürftig.
Die Spannung wird durch die Charaktere getragen, und nur noch diese. Die Verhältnisse und Abhängigkeiten, die Machspielchen und die Grenzen der einzelnen Personen stehen im Fokus. Die Dialoge sind ebenso einfach wie glaubwürdig beschrieben und die Wahl das jeweilige Kapitel aus der Perspektive der verschiedenen Figuren zu erzählen, ist wahrlich meisterlich. Man ahnt zwar wie es ausgehen wird, aber der Weg dorthin ist absolut fesselnd erzählt.
Das “Böse“ ist hier ist die Summe der Gesellschaft, dass Produkt unserer Ängste und Hoffnungen und der mutlosen Hilflosigkeit, die wir uns nicht erklären können.   

Fazit
„The Lost“ ist schwer einzuordnen! Ist es ein gesellschaftliches Drama, oder eher Horror, vielleicht doch ein Thriller? Es ist, was es ist....ein genialer Roman der noch Stunden oder gar Tage nachwirkt.
„The Lost“ ist ein explosiver und eiskalter Thriller der im Genre “Hardcore“ wohl platziert ist und dieser Bezeichnung alle Ehre macht. Die Angst die sich hier entwickelt, lässt das Grauen kontinuierlich wachsen, und selbst am Ende des Romans wird der Leser nicht wirklich zum Luft holen kommen.
Jack Ketchums „The Lost“ nicht zu empfehlen, geht nicht, also lassen sie es zu und folgen sie den Protagonisten in einem Amoklauf der Gewalt und der Gefühle.

 Michael Sterzik


Autor:
Jack Ketchum ist das Pseudonym des ehemaligen Schauspielers, Lehrers, Literaturagenten und Holzverkäufers Dallas Mayr. Seine Horrorromane zählen in den USA unter Kennern neben den Werken von Stephen King oder Clive Barker zu den absoluten Meisterwerken des Genres, wofür Jack Ketchum mehrere namhafte Auszeichnungen verliehen wurden.











Originaltitel: The Lost

Originalverlag: Leisure Books
Aus dem Amerikanischen von Joannis Stefanidis
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag,
ISBN: 978-3-453-67551-3
€ 19,99 [D] (empf. VK-Preis)
Verlag: Heyne


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