Samstag, 3. September 2011

Blutige Stille - Linda Castillo


Als Officer Chuck Skidmore, der als erfahrener Polizist gilt, routiniert seine Streife fährt, wird er durch einen durchdringenden Schrei in der Nähe des Anwesens der amischen Familie Plank aufmerksam. In der Stille der Nacht offenbart sich „Skid“ ein furchtbares Bild. Die siebenköpfige Familie der Planks ist auf bestialische Weise ermordet worden. Die beiden Söhne wurden durch Schüsse exekutiert, die Ehefrau liegt mit ihrem Baby im Arm in ihrem Blut, die tödliche Kugel hat ihren Rücken durchschlagen und sowohl sie als auch ihr Baby getötet. Ihren Ehemann wurde doch einen direkten Schuss in den Mund der Hinterkopf weggesprengt, an seiner Seite liegt eine Pistole der Marke Beretta.

Schockiert stolpert Skid durch das Haus und steuert die landwirtschaftliche Scheune an. Was ihn erwartet, wird ihn auf immer begleiten. Die beiden schon älteren Töchter sind ebenfalls tot. Doch ihre nackten Körper zeigen offensichtliche Spuren von schwerer Folter und Misshandlung. Die Polizeichefin der Gemeinde von Painters Mill glaubt nicht an die Theorie, dass der Vater durchgedreht ist und seine Familie kaltblütig abschlachtete. Die Planks waren eine tiefgläubige und konservative Familie unter den Amischen. Sie lebten in aller Bescheidenheit und hatten mit den „Englischen“ Bürgern nicht viel Berührungspunkte.
Der Obduktionsbericht der Gerichtsmedizin gibt Kates Vermutungen recht. Wahrscheinlich wurde auch der Vater der Kinder ermordet. Die Spuren der Verletzung werden einige Fragen auf und im Laufe der Ermittlungen verdichten sich die Spuren, dass Mary, die älteste der beiden Töchter der Grund dieses Massakers gewesen sein muss.

Als Kate eines Abends auf eigene Faust, das Anwesen der Planks noch einmal durchsucht und sich hier auf das Zimmer von Mary konzentriert, findet sie unter eine Diele das einfache Tagebuch der heranwachsenden Frau.
Ist das Tagebuch der Schlüssel zum Mörder …?

Kritik

Das Buch "Blutige Stille" weißt durchaus viele Parallelen zu "Die Zahlen der Toten" auf. Gleich am Anfang werden im vorliegenden Titel die Toten gefunden. Ebenso die Darstellung und Beschreibung des Tatortes, was im Vorgänger ebenfalls gespiegelt der Fall war.
Wieder handelt es sich bei den Opfern um Amische und wieder einmal wird Kate mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Ebenso treffen wir mit Agent Tomassetti einen alten Bekannten wieder.

Hier war es sehr störend, dass er wiederum vor einen Tribunal Rede und Antwort stehen musste und quasi bis auf Weiteres von seiner Dienststelle suspendiert wird. Nach seiner hilfreichen Unterstützung bei den Schlächtermorden (Die Zahlen der Toten), die zur Ergreifung des Täters führten, sollte dieser eher belohnt als bestraft werden. Sein Einstieg in „Blutige Stille“ ist daher wenig originell.
Aber das sind nur kleinere Auffälligkeiten die Leser, die den Vorgängertitel nicht kannten, nicht weiter in ihrem Lesevergnügen stören sollte. Und auch wenn es Parallelen gibt, so werden diese kleinen Klippen gekonnt von der Autorin durch einen enorm hohen Spannungsbogen kompensiert.

Schnell entwickelt sich, durch das langsame Vordringen des Officers, der den Ort des Massakers aufsuchen muss und das Entsetzen das sich durch die Beschreibung des Tatorts breitmacht, eine schaurige Atmosphäre.
Nach und nach erfährt der Leser mehr über die Umstände der Tat. Einen großen Sprung macht die Handlung, nachdem Kate das Tagebuch des unschuldigen Mädchens findet. Sehr gut eingebaut lässt Linda Castillo die ermordete, junge Frau selbst zu Wort kommen. Dass dadurch nicht nur bei Chief Kate eine persönliche Bindung zu den Opfern entsteht, sondern auch bei den Lesern hat sie großartig auf die Bühne gebracht.

Die Einträge der jungen Frau berühren und vermitteln, was eine junge Frau empfindet, die sich in der "Rumspringa" befindet, also die Zeit, in der sich der junge Mensch entscheiden muss, welchen Weg er in Zukunft bereit ist zu gehen. Entweder sich den Regeln und den Grundsätzen der Gemeinschaft der Amischen anzuschließen, oder sich "bannen" zu lassen, um diesem Leben abzuschwören. Damit hätte sich allerdings auch den Kontakt zur eigenen Familie erledigt. Wie weltfremd sie aufgewachsen ist und wie naiv und unschuldig sie auf die Komplimente und Verführungen eines viel älteren Mannes eingeht, ist erschreckend realistisch.
Dass sich Kate das Schicksal des Mädchens so zu Herzen nimmt und sich damit viel stärker als gut für sie ist, sich mit Mary identifiziert ist zwar löblich, doch manchmal nicht nachvollziehbar. Ihr Verhältnis zu Tomassetti, das nicht einfach ist, da beide ihre persönlichen Dämonen mit sich rumschleppen, wird hier auch nicht besser. Dieses Thema wird zum Glück nicht seitenfüllend behandelt und quasi nur als kleinerer Nebenschauplatz behandelt.

Die Handlung ist immer aus der Perspektive der einzelnen Protagonisten zu betrachten. Natürlich kommt Kate am meisten zu Wort, aber auch Tomassetti findet hier Gehör. Für die Handlung wäre es vorteilhaft gewesen, wenn der Ermittler Tomassetti von BCI stärker involviert gewesen wäre. So taucht er als Nebenfigur gesehen so spartanisch auf, dass man 
sich das auch hätte ersparen können.
Der Spannungsbogen orientiert sich an direkt an den Ermittlungen so das hier der Leser dem Geschehen im vollen Umfang mit allen Fortschritten und Verwicklungen im Laufschritt mithalten kann. Linda Castillos Schreibstil ist konsequent sehr gut. Sie erspart sich Ausflüge in die Welt der so oft für amerikanische Thriller typischen Klischees.

Wie schon im ersten Band "Die Zahlen der Toten" lässt die Autorin den Lesern einen intensiven Blick in die amische Glaubensgemeinschaft werfen. So fremd uns diese auch vorkommen mag, so fasziniert uns ihre schlichtes und konservatives Leben dennoch. Ohne Strom und fließend Wasser zu leben, katapultiert uns doch gefühlt, schnell in eine ganz andere Epoche. Und man bekommt einen relativ großen Respekt vor der amischen Gesellschaft, die sehr konsequent und tiefgläubig ihr Schicksal zwar selbst bestimmen, aber mit unserer Zivilisation nur minimale Gemeinsamkeiten haben.

Fazit

"Blutige Stille" von Linda Castillo ist Thriller Literatur in Hochform. Spannend, abwechslungsreich und vor allem auch durch viele Informationen ist der Roman eine kleine Perle in diesem Genre.
Viele negative Punkte gibt es nicht: Es wäre wünschenswert, wenn im nächsten Roman vielleicht das Verbrechen auf der Seite der amischen zu suchen und dann auch zu finden ist. Die Opferrolle sollte nun in gleich zwei Bänden, als abgeschlossen betrachtet werden. Alles andere wäre hier enttäuschend.
Der Roman "Blutige Stille" ist nicht gerade still, dafür ungemein blutig, aber so spannend, dass man nicht aufhören kann zu lesen.
Ich freue mich auf einen evtl. dritten Band der Autorin.

Autorin



Linda Castillo, geboren 1960 in Dayton, Ohio, hat als Finanzmanagerin gearbeitet, bevor sie mit dem Schreiben begann. Sie hat bereits über zwanzig Liebesromane veröffentlicht, die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden. "Die Zahlen der Toten" war ihr erster Thriller und der erste Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde. Sie lebt mit ihrem Ehemann, vier Hunden und einem Pferd auf einer Ranch in Texas. (Verlagsinfo)

Hintergrundinfos

Die Amischen sind eine täuferisch-protestantische Glaubensgemeinschaft, deren Hauptaugenmerkt auf Familie, Gemeinschaft, Gottesfürchtigkeit und Abgeschiedenheit von der Außenwelt liegt. Ihr Leben ist stark mit der Landwirtschaft verwurzelt. Technischer Fortschritt wird von den meisten Amischen abgelehnt. Neuerungen werden nur nach sehr sorgfältiger Überlegung akzeptiert.
Zum Großteil stammen die Mitglieder von Südwestdeutschen bzw. Deutschschweizern ab und sprechen untereinander überwiegend Pennsylvaniadeutsch. Die Wurzeln liegen in der reformatorischen Täuferbewegung Mitteleuropas. Sie spaltete sich 1693 von der Gruppe der Mennoniten ab. In Europa leben mittlerweile keine Amischen mehr. Aufgrund von Verfolgung wanderte der Großteil dieser Glaubensgemeinschaft im 18. Jahrhundert nach Pennsylvania (Nordamerika) aus. Die letzten amischen Gemeinden Europas schlossen sich wieder den Mennoniten an. (Quelle: Wikipedia)

ISBN: 978-3-596-18451-4|
http://www.fischerverlage.de/
Michael Sterzik




1 Kommentar:

Citara hat gesagt…

Nachdem ich nun so viel Gutes über das Buch gelesen habe, überwinge ich wohl meine Skepsis und werde es doch auf den Lesestapel packen. Mist ;)

Schönes Wochenende
Claudia

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