Sonntag, 11. September 2011

Die Auserwählten (A.J.Kazinski)

Es ist doch erstaunlich, wie viel wir Menschen im Laufe unserer Evolution erreicht haben. Neben der Technik mit ihren Kommunikationskanälen und Fortschritten, haben wir weitreichende Entwicklungsschritte mit der Nanotechnologie und Medizintechnik gemacht. Seit Ende des letzten Jahrhunderts stehen wir mit der Quantenphysik vor einigen neuen Erkenntnissen, aber noch mehr offene Fragen stellen sich den Wissenschaftlern, was Raum und Zeit angeht. Gibt es mehrere Dimensionen? Dass dabei die Religion und die Wissenschaft immer mal wieder auf Konfrontationskurs gehen, bleibt nicht aus. Doch sehen wir alle die Welt nur aus einer sehr beschränkten Perspektive, als würden wir durch ein Fernglas schauen und konzentrieren uns dabei nur auf einen kleinen Ausschnitt. 

Kann man Religion erforschen und ggf. mit der Wissenschaft kombinieren, um eine Basis der Zusammenarbeit zu finden? Was wissen wir wirklich? Im Grunde nicht viel, da eindeutig die Anzahl der Warum, Wieso, Was, Wann und Wer - einfach gigantisch überwiegt. 

Dann ist da noch die Frage nach "Gott"! Ob nun religiös oder wissenschaftlich betrachtet - eine der elementarsten! Was passiert nach unserem Tod? Wartet da eine neue Welt auf uns, in der alles besser ist oder gehört der Tod zu Gottes Plan und ist für uns nur ein nächster Schritt? Elisabeth Kübler-Ross und Dr. Ramond Moody haben das Phänomen "Nahtod-Erlebnis" erforscht und hinterfragt. Ihre Theorien sind ausgesprochen interessant und laden zum Nach- oder Umdenken ein. 

In dem vorliegenden Roman "Die Auserwählten" des dänischen Autorenduos A. J. Kazinski geht es um eine ganz Reihe von derartigen Theorien. Und dieser Wissenschafts- und Mystikthriller hat es wirklich in sich.


Inhalt

Tommaso di Barbara, ein venezianischer Polizist ermittelt in einem sonderbaren Mordfall. Das Opfer trägt ein sonderbares, blutiges Mal auf dem Rücken, das den Ermittler verstört. Als Tommaso feststellt, dass es rund um den Erdball mehrere Opfer gegeben hat, die alle mit einem ähnlichen Mal gezeichnet wurden, beginnt er alleine zu ermitteln. Sehr zum Widerwillen seiner Vorgesetzten, denn diese suspendieren ihn kurzerhand. 

Tommaso ist überzeugt davon, dass der nächste mysteriöse Mordfall in Kopenhagen passieren wird. Er nimmt Kontakt zu Kommissar Niels Bentzon auf und überlässt ihm seine gesamte Ermittlungsarbeit. Eines haben diese Opfer alle gemeinsam: Sie sind gute Menschen und haben es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen zu helfen, zu beschützen. 

Da in Kopenhagen gerade der Klimagipfel in der Vorbereitungsphase ist, wird Kommissar und Polizeipsychologe Bentzon darauf angesetzt, um zugleich jegliche terroristische Bedrohung zu untersuchen. Da Bentzon als psychisch labil eingestuft wird, ist das für seine Dienststelle die Gelegenheit, ihn aufs Abstellgleis zu schieben. Doch Bentzon findet schnell heraus, dass er hier etwas Großem auf der Spur ist und intensiviert seine Ermittlungen. Hat es einen terroristischen Hintergrund, dass gezielt Menschen in aller Welt zu Tode kommen und von diesem Mal gezeichnet wurden? 

Ihm zur Seite steht die Astrophysikerin Hannah Lund. Eine sinnliche und schöne Frau, die nicht über den Tod ihres Sohnes hinwegkommt. Sie schließt sich Bentzon an und sieht das Rätsel als mathematische Gleichung. Mit analytischen Theorien und Bentzons Idealismus ermitteln die beiden und kommen auf der Spur von 36 Gerechten. Menschen, die scheinbar das Schicksal der Welt in ihren Händen halten und es nicht wissen. Als nur noch zwei Opfer fehlen, beginnt ein atemloser Wettkampf mit der Zeit.


Kritik

"Die Auserwählten" ist ein großartiger Wissenschafts- und Mystikthriller. Den beiden dänischen Autoren merkt man an, dass sie erfahrene Drehbuch- und Romanautoren sind. 

Das Kernthema, die Idee von 36 Gerechten, ist nicht unbedingt neu, aber in Verbindung mit Physik und Zahlensystem bekommt "Gottes Plan" eine gewisse Originalität. In jedem Fall fesselt der Roman, auch wenn sich die beiden Autoren viel Zeit damit lassen, die herrschenden Charaktere zu positionieren. Die beiden Polizeibeamten Tommaso und Bentzon sind in gewisser Weise Antihelden. In jedem Auftreten findet man sich selbst ein Stück wieder und sympathisiert schnell mit den beiden. 

Niels Bentzon steht sich meistens selbst im Weg. Seine Ehe mit der erfolgreichen Architektin Katherine, die inzwischen in Südafrika lebt und arbeitet, ist auf Messers Schneide. Ihre intimen Gespräche finden zumeist vor dem Computer in einem Chatsystem statt und nur zu gerne geht Niels Konfrontationen aus dem Weg. Zu gerne würde er seiner Frau wieder nahe sein, doch sein großes Problem, eine ausgeprägte Reisekrankheit und Angst hält ihn davon ab, ins nächste Flugzeug zu steigen. Weiter als Berlin ist er noch nicht gekommen, und das hat schon alles von ihm abverlangt. 

Doch beruflich gibt Bentzon sein Bestes. Als Polizeipsychologe hat er schon einiges gesehen und psychisch durchmachen müssen, wenn es darum ging, einen Geiselnehmer zu beschwichtigen und zu überzeugen, dass eine Aufgabe die beste Alternative ist. Doch er gilt als müde, abgebrannt und manisch-depressiv. Im Roman wirkt er allerdings überhaupt nicht so. Im Gegenteil, voller Energie und mit vollem Einsatz widmet er sich seiner neuen Aufgabe.

Die Astrophysikerin Anna und ihr Ermittlungspartner ergänzen sich wunderbar. Sie sieht die ganze Welt mit den Augen und Sinnen einer logischen Analytikerin. Hochbegabt und mit viel Feingefühl verfolgt sie die Spuren und entdeckt den Plan, nicht aber den Auslöser oder den Sinn. 

Die Handlung ist auch immer wieder durch kleinere Nebenschauplätze durchwoben. Eindrucksvoll ist hier auch zu lesen, wie Bentzon eine Geiselnahme deeskaliert oder der Klimagipfel startet. So viel Detailreichtum festigt noch einmal die Klasse des Romans und vervollständigt das Lesevergnügen. Überaus spannend ist natürlich auch die Haupthandlung in denen sich Fakten und Fiktion wunderbar ergänzen. Allein schon die These der 36 Gerechten aus dem jüdischen Talmud ist eindrucksvoll beschrieben. 

Auch wenn die Spannung im Laufe der Handlung immer größer wird, so ist das Ende bzw. der Ausgang ziemlich enttäuschend. Im Nachhinein relativiert sich das wieder, wenn man darüber nachdenkt, doch beim Schließen des Buches bleiben einige Fragen gänzlich unbeantwortet. 

"Die Auserwählten" ist mit Sicherheit ein Titel, der nur auf die Verfilmung wartet, denn ein solcher Thriller voller Geheimnisse lässt sich wunderbar in den Kinosaal transportieren. 


Die Autoren

A. J. Kazinski ist das Pseudonym für das dänische Autorenduo Anders RønnowKlarlund und Jacob Weinreich. Anders RønnowKlarlund, Jahrgang 1971, arbeitet als Autor und Regisseur. Für seine Filme ist er bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Jacob Weinreich, 1972 in Århus geboren, ist Drehbuch- und Romanautor. "Die Auserwählten" ist ihr erster gemeinsamer Roman. (Verlagsinfo)


Fazit

"Die Auserwählten" ist ein brillanter Thriller und ein wahrer Pageturner. Abgesehen vom schwächeren Ende, das man später wieder relativieren wird, hat mich der Thriller absolut überzeugen können.

Wissenschaft und Religion können Hand in Hand gehen und schließen sich nicht aus. Viele Dialoge im Roman drehen sich eigentlich immer wieder um das Kernthema von "Gut" und "Böse". Der Roman lässt den Leser nachdenken, auch über ein evtl. Weiterleben nach unserem Tode.

Nicht nur Niels Bentzon wird am Ende des Romans seine Welt und seine Existenz mit ganz anderen Augen sehen. 

Prädikat: Exzellent und absolut zu empfehlen. 


Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 608 Seiten
Originaltitel: Den sidste gode mand
Originalverlag: Politiken
Aus dem Dänischen von Günther Frauenlob
ISBN-13: 978-3453267671

www.randomhouse.de/heyne



Michael Sterzik







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