Sonntag, 8. Januar 2012

Robert Enke - Ein allzu kurzes Leben (Ronald Reng)


Es ist zwei Jahre her, seit dem Tod des Hannoveraners und Nationaltorhüters Robert Enke. Doch das Thema Depression wird seit seinem Selbstmord sensibler und offener diskutiert.

In unserer Leistungsgesellschaft, die durch das Streben nach mehr Erfolg und öffentlicher Selbstdarstellung dominiert wird, sind persönliche Schwächen oder gar psychische Krankheiten ein Tabuthema. Schwäche ist gleichbedeutend mit der Aura des inakzeptablen Versagens. Auch im Leistungssport sind psychische Krankheiten - Depressionen, Angstzustände, Burn-out anzutreffen. Auch Profisportler sind nur Menschen, ihr Geld, ihr Vermögen, schützt sie nicht vor dem Druck zu versagen. In der Dunkelheit werden auch ihre inneren Schreie heller und die Einsamkeit ist trotz Erfolg, Geld, Ruhm eventuell immer einen Schritt voraus.

Der vorliegende Roman zeigt nicht nur Einblicke in das Profifußballgeschäft, sondern auch das Leben mit einer Depression. Doch nicht nur Robert Enke ist bzw. war ein Opfer seiner Depression, auch seine Frau Theresa litt, kämpfte und sorgte sich um ihn. Ihre Kraft muss enorm gewesen sein und ihr Arrangement nach dem Selbsttod ihres Mannes selbstlos und bewundernswert.


Die Angst vor dem persönlichen Versagen

Das Buch beginnt mit der chronologischen Laufbahn eines talentierten jungen Mannes, der den Schritt wagt und ins Profigeschäft einschlägt. Anfangs ein Kind voller Lebensmut und Optimismus, bei jedem beliebt und nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen. Ein starker Charakter, so scheint es, doch die Vorboten der Schatten hatten ihn schon in Griff. Als 16-Jähriger im Fußballmagazin "Kicker" als Jugendfußballer vorgestellt. Nur ein Jahr später der Profivertrag bei Carl Zeiss Jena. Immer schon wollte er der perfekte und fehlerlose Torwart sein, ein Vorbild, ein Idol - diesen Anspruch an sich selbst konnte er nicht erfüllen. Immer höher hinaus, immer schneller an Reaktionen und Reflexen, niemals dem Gegner oder sich nur einen Hauch von Angst zeigen oder spüren lassen. Zwar entwickelte Enke zu diesem Zeitpunkt einen inneren Schutzmechanismus, doch frei von Ängsten und Sorgen wurde er nie.


Die Angst einfangen oder weglaufen?

Schwierigen Situationen geht man gerne aus dem Weg oder man stellt sich ihnen. Es gibt kaum eine andere Alternative. Als Robert Enke bei Benifica Lissabon unterschreibt, wollte er wenige Stunden später alles hinwerfen. Seine persönlichen Stärken und Erfolge übersah er, als wären sie niemals dagewesen. Die Ängste beherrschten ihn völlig und letztlich gewannen sie immer wieder mehr Schlachten um die Seele des jungen Mannes.
2003 kommt die erste Depression durch. Theresa und Robert Enke hatten eine glückliche Zeit in Lissabon. Ein Transfer nach Barcelona beendete diesen Zustand schnell. Sein Selbstbewusstsein schwand von Tag zu Tag, oftmals hatte er Schwierigkeiten, sich auf einen geregelten Tagesablauf einzustellen. Seine Trainingseinheiten beim Königsclub Barcelona waren desaströs. Vor Angst gelähmt, wurde er schnell den Ansprüchen seines Trainers und des Vereins nicht gerecht.

Er suchte sich professionelle Hilfe, nicht zuletzt haben ihm seine Frau und sein bester Freund dazu geraten. Entgegen seiner innerlichen Überzeugung wechselte er nach Istanbul und nach zwei Spielen löste er seien Vertrag auf. Die ersten Selbstmordgedanken kamen an die Oberfläche und er erkannte, dass er eine Therapie machen muss, wollte er nicht alles verlieren - auch nicht seine liebende Frau Theresa, die zeitweise immer wieder am Ende ihrer Kräfte war.

Als seine Tochter Lara geboren wurde, verlagerten sich seine Prioritäten. Tragisch wurde es allerdings für die Enkes, als bei Lara ein Herzfehler diagnostiziert wurde. Trotzdem ist seine Tochter der Lebensmittelpunkt für ihn und selbst beim zweitklassigen Verein Teneriffa findet er den notwendigen Halt.

Der Wechsel nach Hannover, zurück nach Deutschland, ist für die junge Familie der notwendige Schritt und Rückhalt für sie durch Familie und Freunde.

Bei Hannover 96 wird er zum Medienliebling und zum Starspieler. Durch seine brillanten Leistungen wird er in die Nationalmannschaft gerufen. Der Druck, der damit auf ihm lastet, lässt seine Ängste wieder aufleben. Die Angst davor, dass seine Krankheit entdeckt wird, verschlimmert die Situation. Den Tod seiner Tochter Lara verkraftet er letztlich vielleicht nur durch die Hilfe seiner Frau. Auch die Überlegung, sich stationär behandeln zu lassen, lässt er fallen, denn das wäre dann auch das eventuelle Ende seiner Karriere. Nur durch Einnahme von Antidepressiva funktioniert er bei Einsätzen in der Bundesliga. Innerlich zieht er sich immer mehr und mehr zurück - und tötet sich wenig später.


Kritik

In dem Buch "Ein allzu kurzes Leben" geht es nicht darum, von dem Fußballer und Torhüter Enke zu berichten. Sein Freund Ronald Reng erzählt die Geschichte eines Mannes, der an dem beständigen Druck zugrunde gegangen ist. Dem Leser fällt es schwer zu begreifen, warum Ronald Reng und Robert Enkes Frau Theresa es nicht schaffen konnten, Robert zu helfen. Doch durch die persönliche Nähe und Freundschaft fehlte eventuell auch die Distanz, unkonventionelle Wege zu gehen.

Ronald Reng verschönert oder idealisiert nichts, sondern setzt sich kritisch mit dieser Krankheit Depression auseinander. Durch die persönlichen Einblicke in Robert Enkes Tagebücher und Notizen und vielen, intensiven Gesprächen mit seiner Familie und Freunden, zeigt sich Robert Enke von seiner menschlichen, verletzten Perspektive.

Doch immer wieder sieht man auch, wie verantwortungsvoll und stark Robbi Enke auch war. Wie hilfsbereit er zu Kollegen und Nachbarn gewesen ist. Er beteiligte sich nicht an Intrigen oder Machtspielen innerhalb des Vereins, er wollte immer nur über Leistung überzeugen.


Fazit

Ein allzu kurzes Leben von Ronald Reng und Robert Enke ist ein Testament, ein berührendes Plädoyer für das Verstehen und Begreifen dieser Krankheit, die auch erfolgreiche Menschen zerstören kann und in unserer Gesellschaft noch viel zu sehr tabuisiert ist. Es ehrt den Menschen Robert Enke, aber es ist auch ein Vermächtnis, eine Mahnung zu kämpfen. Nicht nur der Patient, auch die Angehörigen sind von dieser Krankheit betroffen.

Ein allzu kurzes Leben ist nicht nur Fußballern zu empfehlen, sondern insgesamt ein sensibles Buch, das aufklärt und zu verstehen hilft. Großartig!


Autor

Ronald Reng, geboren 1970 in Frankfurt, lebt als Sportreporter und Schriftsteller in Barcelona. Sein Bestseller »Der Traumhüter«, das glänzende Porträt eines unbekannten Torwarts, erreichte über die Fußballgemeinde hinaus eine große literarische Leserschaft. Für Reportagen über Robert Enke wurde er mehrmals mit dem Großen Preis der Deutschen Sportjournalisten ausgezeichnet. Zuletzt erschien sein Roman »The Funny German«


Taschenbuch: 432 Seiten
Verlag: Piper Taschenbuch (November 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3492273169

www.piper-verlag.de
Michael Sterzik

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