Samstag, 15. Juli 2017

Corruption - Don Winslow

Der neueste Roman des amerikanischen Autors Don Winslow ist wohl eine der realistischsten Erzählungen und vielleicht auch zugleich das kritischste Werk.

Das amerikanische Rechtssystem unterscheidet sich stark von den juristischen Systemen Europas. Es gibt verhältnismäßig wenige Gemeinsamkeiten und die Sicherheitsbehörden der Vereinigten Staaten von Amerika und ihre Ermittlungsmethoden, sind mit den unseren nicht vergleichbar. Korruption gibt es allerdings überall – in der Politik, in unserem Wirtschaftssystem und sicherlich ist ebenfalls unser Rechtssystem durchdrungen von Intrigen, Erpressungen und kleineren, wie auch größeren Gefälligkeiten.

Don Winslow hat für den vorliegenden Roman jahrelang penibel recherchiert und wird sich mit diesem Werk seine Leserschaft erneut überzeugen, allerdings wird die Stadt New York, mitsamt ihren staatlichen Behörden, ihrem Rechts- und Sicherheitssystem nicht jubilierend klatschen. Diese kommen in „Corruption“ nicht unbedingt gut weg.

„Corruption“ ist vor allem eins – authentisch, brutal und rücksichtslos faszinierend. Es handelt Moralisch gesehen ist New York  Sodom und Gomorrha. Der Mikrokosmos dieser Stadt ist durchdrungen von organisierter Kriminalität, damit einbezogen sind auch die Reichen und Mächtigen dieser Metropole. Geschützt durch Gesetze, durch Systeme sind die wahren Wirtschaftskriminellen fast schon unantastbar. Die wahre Drecksarbeit leisten die Polizei- und Kriminalbeamte auf den dunklen Straßen der Junkies, in den Wohnkomplexen sozial- und krimineller Minderheiten, in den Clubs der Drogenbarone Manhattans. Unaufhaltsam kämpfen diese Männer und Frauen gegen Drogen, Waffenhandel, Prostitution und Menschenhandel und geraten dabei nicht nur in Lebensgefahr, sondern müssen sich oftmals plötzlichen situativen Entscheidungen stellen:

Töte oder verhafte ich den Kinderschänder?
Sage ich vor Gericht die Wahrheit, oder ich lüge ich, damit der Angeklagte in der Todeszelle kommt, oder einer langen Gefängnisstrafe entgegensieht?
Erpresse ich Kleinkriminelle, damit diese auf den Straßen unter Lebensgefahr mir als Informanten dienen?
Nehme ich annektiertes Geld oder Drogen mit, um meinen Kindern das College zu finanzieren?

Don Winslow erzählt in „Corruption“ von einem Detective mit langer Berufserfahrung, der sich diesen Fragen stellen muss. Ein schmaler Grad, ein Tanz auf dem Vulkan – emotional außerordentlich belastend. Don Winslow spricht von den Albträumen der Beamten davon, dass sie nach Dienstschluss die Schrecken des Tages nicht in die eigene Familie tragen, allerdings innerlich daran zerbrechen. Die Beamten haben zwei Familien – ihre eigene und die fast schon familiären Bindungen ihrer Kollegen.

„Corruption“ lebt von den Emotionen dieser Beamten, von dem Verrat an diesen Menschen und legt sehr genau offen, wie korrupt die politischen Ämter der Stadt sind und auch das FBI geht für den Ermittlungserfolg gnaden- und rücksichtslos über Leichen.

Ich habe selten einen Thriller gelesen, der so schockierend authentisch ist und nachhaltig immer noch nachwirkt. Die Leser von „Corruption“ werden sich in die Figuren des Romans sehr schnell wiederfinden und sich nicht nur einmal fragen: Wie hätte ich denn in dieser Situation gehandelt?

Ethisch und Moralisch komplex werden hier menschliche Abgründe thematisiert. Die Gier nach Macht, Einfluss und die Verführung des Geldes lassen die Beamten zu Marionetten werden mit sehr tödlichen Spielregeln.

Wer hier satte Actionsequenzen erwartet, wird ebenfalls nicht enttäuscht werden, allerdings treten diese völlig in den Hintergrund, da die Emotionalität der Protagonisten mit immenser und eindringlicher Gewalt auf die Bühne vorrückt und nichts neben sich stehen lässt.

Sicherlich ist die Story etwas vorhersehbar, allerdings konzentriert sich der Autor auf den schmerzvollen Weg.

Lobenswert ist Don Winslow mahnender Zeigefinger, wenn er das System durch seine Protagonisten an den Pranger stellt. Der Roman „Corruption“ wird keine Veränderung herbeiführen, es ist ein Mahnmal, ein Zeugnis, vielleicht ein kleines Denkmal an die Beamten, die man es auch mal brutal sagen: In Stich gelassen werden. Sie werden verraten, erpresst, ausgespielt, weggeworfen.

Fazit

„Corruption“ ist ein knallharter Copthriller, ein emotionales Feuerwerk. Schonungslos brutal – aber ehrlich. Ein großartiger Thriller mit einem Echo, das noch lange nachhallen wird. Einer der besten Dramen aus der Feder Winslows.

Michael Sterzik


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